Ein Hoch auf die Lesereise

Ein Hoch auf die Lesereise. Oder: Die Provinz leuchtet

Von Cora Stephan

DIE WELT

Dieser Artikel erschien in der Zeitung
DIE WELT am 9.6.2012.

Die Autorin war beim 5. langen Krimabend am 12.5.2012 bei uns zu Gast unter dem Pseudonym Anne Chaplet.

Provinzbuch Esslingen“ – der Name beteuert, was auch die Stadtbibliothekarin von Zofingen (Schweiz) verkündet: Die Provinz leuchtet. „Der kleine Buchladen um die Ecke“, das Tor zur wundersamen Welt des Leseabenteuers, ist zwar eine romantische Illusion von Autoren und Lesern zugleich – aber hier findet man ihn, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass er auch die kommenden stürmischen Krisenjahre überdauern wird. Auf meiner Liste der noch unerfüllten Prophetien, Rubrik „Was bleibt“, stehen dieser und andere Provinzbuchläden ganz oben. Auch deshalb liebe ich Lesereisen.

Es gibt Schriftsteller, die Lesereisen für ein notwendiges Übel halten, obwohl sie Geld in die Kasse bringen. Weil sie vom eigentlichen Werk abhalten, klar. Aber auch wegen der angeblich immer gleichen Fragen der Zuhörer, nach der Lesung. Und der verödeten Innenstädte, noch später, wenn die Gaststätten bereits verdunkelt haben und die Bürgersteige hochgeklappt sind. Und am Ende wegen der immer gleich tristen Hotelzimmer (weiß bezogenes Einzelbett in hellem Holz, früher Jugendherbergslook, gelb gekacheltes Bad, keine Bar, auch nicht Mini).

Das mit den Hotelzimmern stimmt. Manche dieser Zellen erzeugen schwere Träume von Handelsreisenden, die, den Kopf in die Hand gestützt, auf der Bettkante gesessen haben, bevor sie aus dem Fenster sprangen. Doch alles andere ist entweder arrogant oder ungerecht. Lesereisen zeigen, dass Autoren noch nicht im virtuellen Raum verschwunden sind, dass sie geliebt werden und gebraucht und dass man ihnen zuhört. Auch wenn nur ein Bruchteil der Anwesenden hinterher ein Buch kauft. Natürlich nicht das teure Hardcover, aus dem vorgelesen wurde. Das spart man sich auf, bis es Taschenbuch geworden ist und kauft ein anderes, älteres Werk, das den Wandel bereits hinter sich hat – „zum Einstieg“. Gut, das macht immerhin Hoffnung auf das Überdauern der Backlist. Schließlich sind wir nicht hier, um Rheumadecken zu verkaufen, oder?

Nur wenige Autorenlesungen spielen ihre Kosten durch Buchverkauf wieder rein. Sie finden ja auch nicht deshalb statt. Wenn man Zyniker wäre, würde man auf Lesereisen Strichlisten führen. Keineswegs nur, was das Publikum betrifft: sind es überwiegend Frauen jenseits der 50, bekanntermaßen die stärkste und von den Verlagen mit „frauenaffiner“ Literatur überhäufte (und damit unterschätzte) Kundengruppe auf dem Buchmarkt? Oder junge Frauen, die es mal werden wollen? Oder gar Männer, die ebenfalls unterschätzten Leser? Das alles entscheidet über die derzeit bange Frage: Wer bleibt?

Nun, die bezieht sich am wenigsten auf die Autoren selbst. Es mag ja die eigene Eitelkeit kränken, aber wer und wie viele zu einer Lesung kommen, liegt selten vor allem am Autor. Nur bei den großen Stars füllen sich Stadttheater und Veranstaltungssäle von allein. Bei uns Normalsterblichen hängt alles von der einladenden Buchhandlung/Stadtbibliothek/Kulturinstitution ab. Kurz: von deren Kundenbindung. Wer sich, wie etwa Ulrike Ehrmann vom Provinzbuch Esslingen, über Jahre hinweg um sein Publikum bemüht hat, wer sich in Sachen Kultur als Vermittler empfindet und im kleinstädtischen Milieu seine Rolle gefunden hat, garantiert seinen Autoren ein volles Haus. Hier leuchtet sie, die Provinz. Das bleibt.

In Deutschland sterben derzeit vor allem die großen, die Kettenbuchläden, die noch vor einigen Jahren die kleinen Buchhandlungen verdrängt haben. Aus welchem Grund, ist klar. Das, was dort stapelweise herumliegt, ist das, was sich eh schon gut verkauft, das kann der Kunde auch im Internet bestellen. Und, ein weiterer Strich auf der Liste: Der lesereisende Autor registriert, dass in einer dieser Kettenbuchhandlungen, in denen sich die Besucher fast verlieren, der Kaffeeausschank pünktlich vor Lesungsbeginn geschlossen wird. Ganz anders in der leuchtenden Provinz, wo es vor, währenddessen und nach der Lesung Häppchen gibt, Wein (mittlerweile nicht mehr nur von Aldi) oder Sekt. Nicht ein einziger Jammerlaut entweicht der Buchhändlerin.

Wieso nicht? Die Aussichten sind, allgemein gesehen, düster. Umsatz? War schon mal wesentlich besser. Konkurrenz durchs E-Book? Ist da und wird zunehmen. Nur der Börsenverein des deutschen Buchhandels scheint noch immer zu glauben, dass auch der E-Book-Leser seine Ware über den Buchhandel beziehen wird. Eine kostspielige Illusion. Es sind, wie eine soeben veröffentlichte Studie zeigt, vor allem die Vielleser von Belletristik, die zum E-Book überwechseln. Damit fällt das einst so stabile Rückgrat des Buchmarkts aus. Und die Jungen? Eine nicht repräsentative Umfrage unter einer Gruppe Studenten – „ich mach‘ was mit Medien“ – ergibt den tröstenden Befund, dass alle steif und fest die Liebe zum gedruckten Buch beteuern, weil es leuchtet und riecht und schwer in der Hand liegt. Als Autor sollte man sich nicht darauf verlassen. Und als Buchhändler schon gar nicht. Dass die Zuhörer nach einer erfolgreichen Lesung und trotz der Anwesenheit der Autorin, die zu signieren verspricht, ihr Taschenbücher vorlegen und nicht das weit teurere gebundene Buch, hat nicht nur mit dem Genre zu tun – obwohl auch das stimmt: Krimis als Hardcover sind passé. Bücher haben an Wert verloren, dienen nicht mehr als Bildungsausweis oder Zierde der Schrankwand.

Was bleibt? Die leuchtende Provinz und der Buchhandel, der mehr bietet als den Verkauf von Büchern. Sondern Raum für Lesende. Und für Autoren.

© Axel Springer AG 2012. Alle Rechte vorbehalten